Wie immer hätte man sich gelegentlich zerteilen müssen, um an gleichzeitig stattfindenden Sessions teilnehmen zu können. So habe ich es auch diesmal leider nicht geschafft, Olivers mittlerweile legendäre "165 Tools" Session zu besuchen, obwohl sich in Berlin und Hamburg zusammen vier Gelegenheiten geboten hatten...

Am Freitag habe ich die Sessions mitunter als etwas werbelastig empfunden, der Samstag hat mich aber von morgens bis abends durchweg begeistert. Danke an die Veranstalter, die Sponsoren und an alle Teilnehmer für ein rundum gelungenes Camp!

Die meisten Slides der Veranstaltungen sind zum Nachlesen auf der Barcamp Seite gelistet. Hier meine Eindrücke aus einigen Sessions:

Business Punks in der Finanzwelt

Die Session bestand im Wesentlichen aus der Vorstellung einer eigenen Plattform. Die gute Idee des User Generated Investment hätte sich straffer darstellen lassen. Von der Ankündigung "Social Media in der Finanzwelt" hatte ich mir mehr versprochen.

Ausgabefilter für CMS

An griffigen Beispielen hat Nicolai Schwarz, ein Drupaler aus Dortmund, Wege aufgezeigt, dem User maximale Textgestaltung zur Verfügung zu stellen und dabei gleichzeitig für Sicherheit innerhalb des Systems zu sorgen.

Dabei hat Nicolai hat eine Menge nützlicher Module vorgestellt. Typogrify (Wandlung normaler in typographische Anführungszeichen), Tool Tips (Komfortable Eingabe von Texten, die als Tool-Tips dargestellt werden) und SpamSpan filter (Maskierung von E-Mail Adressen) kannte ich noch nicht und werde sie mir gern anschauen.
Als weitere Filter fallen mir noch Video Filter (Einbindung von Videos) und Twitter (automatische Verlinkung von Hashtags und Twitteraccounts) ein.

Kanban-Einführung von Bernd Schiffer und Arne Roock

Was für eine – pardon – geile Session!!! Die beiden sind Berater für agile Software-Entwicklung und haben die Planung der Session auf der Bühne spontan mit Hilfe von Kanban improvisiert. Wow!
Völlig selbstverständlich haben sie angefangen zu besprechen, wie sie ihre Session denn halten wollen. Ein bisschen diskutiert, ein paar Fragen. Dann ist einer aufgestanden und hat eine Karteikarte beschriftet und an die Wand geklebt. Damit der Gedanke nicht verloren geht.

Weiter Diskussion – wie machen wir dies, wie machen wir das – wieder ein Zettel an die Wand. Allmählich wurde klar, dass die beiden gerade Kanban praktizieren.

Bislang dachte ich erstens, dass sich "Canban" mit "C" schreibt, und zweitens, dass es eine Art "Scrum für Arme" ist. Weit gefehlt.
Kanban (japanisch "Karte") ist eine Methode des Projektmanagements, die Transparenz in komplexe Sachverhalte hineinzubringen sucht. Einzelne Bestandteile werden dabei auf Karteikarten notiert und wandern während ihrer Umsetzung auf einer tabellarisch unterteilten Wand von links nach rechts durch die einzelnen Spalten, die die Zustände repräsentieren. Die Spalten richten sich nach den Bedürfnissen des Teams bzw. den Anforderungen des Projekts.

Wir alle kennen die Probleme, nicht zu wissen, wo wir gerade mit unserem Projekt stehen, bzw. Dinge zu vergessen („Backlog ist das Ding, wo alles rein kommt und man es dann vergisst.“)

Ein Ziel von Kanban besteht darin, wenige Dinge schnell fertig zu bekommen, anstelle vieles aufzureißen und unübersehbar zu haben. Die Zahl der gleichzeitig bearbeiteten Tasks ("WIP" – work in progress) sollte abhängig von der Teamzusammensetzung so gering wie möglich gehalten werden.

Aufgaben werden dabei vom Team gezogen, nicht vom Kunden oder Projektmanager in das Team gedrückt. Dies setzt – ähnlich wie bei Scrum – ein hohes Maß Eigenverantwortung des Teams als auch ein Vertrauen in das Team voraus.

Probleme werden bei Kanban schnell transparent und damit behandelbar.
Kanban selbst stellt keine Lösung für Probleme dar, hilft aber, diese frühzeitig wahrzunehmen und darauf reagieren zu können.

Kanban wie auch Scrum setzen auf hohe Selbstorganisation des Teams. Es gibt keine festen Modelle. Das Team soll selbst herausfinden, was funktioniert und eigene Prozesse in der Review reflektieren. Es gibt in Kanban z.B. keine Rollen. Rollenmodelle aus Scrum lassen sich aber gut verwenden.

Als Zitat des Tages ging Bernds Aussage in die Twitternalien ein, er hätte seine Hochzeit in Kanban geplant.
Ein Teilnehmer meinte ergänzend dazu, die Eheschließung war das Deployment

Für die Umsetzung in der Praxis bleiben Fragen unbeantwortet, wie z.B. die Ausführung bestimmter Tasks an einem ganz bestimmten Termin über Kanban organisiert werden kann. Sicherlich besteht  die Lösung hier in einem individuellen Portfolio diverser Best-Practices für jeweiligen Teams und Anfordungen.

Die Dokumentation der Session befindet sich hier. Die deutsche Übersetzung des Kanban Buchs von David Anderson wird im Januar erscheinen.

Projektmanagement-Software + activeCollab

Diese Session war der krasse Gegensatz zu den beiden vorherigen Kanban-Sessions. Hier ging es nur um Tools. In der Vorstellungsrunde wurde nach eingesetzten Projektmanagement-Tools gefragt. Neben diversen digitalen Tools nannte auch ein Teilnehmer der Kanban-Session „Papier“. Der eine Vortragende schaute ihn etwas mitleidig an und meinte nur kopfschüttelnd, wir sind dreißig Leute bei uns.

Zum Glück für mich bin ich an dieser Stelle gegangen, sonst hätte ich die wunderbare Session von Claudia Mühlenberg verpasst:

Gesundes Sehen am Bildschirm

Claudia Mühlenweg ist Designerin und Seh-Trainerin. Aus der Session hat sie eine tolle Wellness-Oase gemacht, indem sie uns mit einer Augen-Entspannungsübung ("Parming") gezeigt hat, wie die Augen zur Ruhe kommen können. Durch sanftes Handauflegen und den Versuch, nicht zu sehen, kommen die Augen allmählich zur Ruhe. Es dauert etwas, bis Entspannung eintritt und die Sicht richtig dunkel wird.

Anschließend sind die Augen gut befeuchtet und ich habe mich wacher gefühlt. Regelmäßiges Blinzeln ist wichtig, um die Augen nachzufeuchten.

Claudia empfiehlt, öfter mit den Augen den Horizont zu suchen. Menschen aus ländlichen Gegenden leiden erheblich weniger an Kurzsichtigkeit als Großstädter.

Ich wusste nicht, dass die Augen lernfähig sind und Sehkraft wieder hergestellt werden kann. Claudia empfiehlt, bestimmte Dinge häufiger auch mal ohne Brille zu versuchen. 90% des Sehens spielen sich im Gehirn ab.

Als Seh-Trainerin twittert Claudia unter @batesvision

Social Media Guidelines

Auf die Session von Nicole Willnow und Sanja Stankovic war ich sehr gespannt, da mich die Themen rund um Corporate Social Media zur Zeit besonders interessieren.

Wir haben über viele Aspekte von Regulierung und Erfahrung mit unregulierter Social Media gesprochen. Selbstverständlich ging es auch um das Schreckensthema, jemand verliert seinen Job, weil er unliebsame Inhalte über seinen Arbeitgeber verbreitet hat.

Mein anschließender Eindruck war, dass Guidelines beiden Seiten Sicherheit vermitteln können. Da jedes Unternehmen selbst für sich zu entscheiden hat, wo es sich auf der Skala zwischen Angstkultur und Alles-geht wohlfühlt, ist eine klare Kommunikation darüber hilfreich. Im Idealfall werden diese Guidelines gemeinsam aus Unternehmensführung und Mitarbeitern entwickelt. Wenn so ein Prozess zustande kommt, befindet sich das Unternehmen aus meiner Sicht schon auf einem guten Weg in Richtung Unternehmenskultur und authentischer Kommunikation sowohl nach innen als auch nach außen.

Koffein, Produktivität, Schlaf und so

Die Health-Session des Tages von @moeffju, die mein Leben nach dem Barcamp wohl nachhaltig verändert hat: Kaffee ist böse. Auch in Maßen.

Koffein macht uns nicht wach, sondern unterdrückt nur unser Empfinden nach Müdigkeit. Die Botenstoffe, die Ermüdung übermitteln, das Adenosin, können nicht an den Rezeptoren andocken. Wenn das Koffein nach ca. 6-8 Stunden abgebaut ist, folgt der Adenosin-Crash: der hormonelle Rückstau entlädt sich. Wir kennen das vermutlich alle, wenn wir uns morgens beim Aufstehen müder fühlen als wenn wir ins Bett gehen. Die Folge: wir müssen die Dosis erhöhen.

Der Koffein-Entzug dauert 2-6 Tage. Bei Einnahme auch geringer Dosen wie einer Tasse Kaffee je Woche baut der Körper sofort wieder Toleranz auf und reagiert mit Entzug. Entzugserscheinungen sind Kopfschmerzen, Reizbarkeit und Schlafstörungen.

Mit Kaffee wollte ich sowieso mal eine Pause einlegen. Mein eigener Konsum erschien mir zu hoch. Dummerweise enthalten schwarzer und grüner Tee – und selbstverständlich auch Cola – ebenfalls Koffein. Dumm gelaufen. Darjeeling-Tee habe ich gern zum Frühstück getrunken.

Bei Twitter habe ich daraufhin mein Koffein-Entzugstagebuch geteilt. Meine letzten Becher Kaffee hatte ich gegen 10:00 Uhr auf dem Camp. Ab 22:00 Uhr hatte ich einsetzende Kopfschmerzen, die sich etwa 24 Stunden hartnäckig gehalten haben. Ich war ziemlich antriebslos – das kann aber auch an der anstrengenden Woche gelegen haben.

Die Nacht zu Montag habe ich sehr gut geschlafen und genieße seitdem eine erheblich verbesserte körperliche Selbstwahrnehmung. Ich habe den Eindruck konzentrierter zu sein und fühle mich pudelwohl.
Von entkoffeinierten Tee- oder Kaffeeerzeugnissen halte ich nichts. Der Vorgang Koffein zu entziehen, setzt den Einsatz starker chemischer Keule voraus. Außerdem scheint es mir besser zu sein, den Geschmack von Tee oder Kaffee gar nicht vermissen zu müssen. Das Aroma frisch aufgebrühten Kaffees rieche ich immer noch sehr gern! Man muss das Zeug ja anschließend nicht trinken...

Drupal 7 Einführung

Zum Schluss stand noch eine gute Einführung von Nicolai Schwarz in Drupal 7 auf dem Programm. Wie in Berlin ist das Interesse auf Barcamps an Drupal eher gering. Die wenigen Teilnehmer, die so eine Session besuchen, haben aber ein hohes Interesse daran, mehr über Drupal zu erfahren.

Da ich mich bislang nur wenig mit Drupal 7 beschäftigt habe, war es sehr interessant für mich. Außerdem machen Drupal-Sessions Spaß und außerdem wurde vorgestern die Drupal 7.0 Beta 3 mit null kritischen Fehlern veröffentlicht. Inzwischen sind schon wieder einige neue Fehler aufgetaucht.

Drupal rocks!

comm-press wird Ausbildungsbetrieb

Durch das Barcamp haben wir einen Auszubildenden gewonnen. Ein BarCamper trug ein auffälliges weißes T-Shirt, auf das er vorne den Text „Auszubildender sucht Unternehmen zur Fortsetzung seiner Ausbildung“ und hinten seine Kontaktdaten drucken ließ. Seine Suche verbreitete sich auch als News über Twitter.

Nach einer gemeinsamen Session sind wir ins Gespräch gekommen, haben uns gestern getroffen und regeln momentan die Formalitäten.
So – nun muss ich Schluss machen und die Handelskammer anrufen. ;-)

Blogrole zum Barcamp Hamburg

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Dietmar Schulte / Flickr